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Über den Wandel der WirtschaftMo. 31.01.2011

Hameln-Pyrmont, wir haben ein Problem! Kein neues, nur eines, das aus Dieter Mefus’ Mund sehr ernstzunehmend klingt. Was der Geschäftsführer des Arbeitgeberverbandes der Unternehmen im Weserbergland (AdU) beschreibt, wenn er den Wirtschaftsraum 2020 im Visier hat, schreit danach, kreativ zu werden, um gegenzusteuern.
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Da ist zum Beispiel der Facharbeitermangel, der den Unternehmen das Wirtschaftsleben immer schwerer macht. Mefus sieht Betriebe, die aufgegeben haben, hier nach bestqualifizierten Fachkräften zu suchen. Diese Industrieunternehmen „wandern ab“, denn in hohem Maße Fachleute aus dem Ausland zu holen, „wird hier nicht gelingen“, glaubt er. Seine Analyse, wenn er der Region den Spiegel vorhält: „Um Facharbeiter anzuziehen, haben wir nicht die Attraktivität.“ Umso schlimmer ist es da, dass Kommunen kaum dazu beitragen können, sich im Wettbewerb um Firmen und Arbeitskräfte zu profilieren. Kein Geld, keine Kultur, keine Freizeitangebote, kein Interesse der Menschen am Leben im Ländlichen, wenn Städte mit Vielfalt locken. „Ich sehe nicht, dass die Land sehen werden“, sagt Mefus über die Zukunft der Kommunen und die Anziehungskraft der Gegend. „Wenn wir zusammenstehen, dann schaffen wir das“, schürt er aber Hoffnung. Wir, das sind grenzübergreifend Schaumburg, Holzminden und Hameln-Pyrmont, die analog den Gebieten Ostwestfalen-Lippe, Weser-Ems oder Rhein-Ruhr als gemeinschaftlich vermarktete Region auftreten. Die Marke, glaubt Mefus, könnte ziehen, für Fachkräfte wie Touristen.

Die betriebswirtschaftliche Frage „make or buy“ – Selbstmachen oder Kaufen – wird die Industrieunternehmen vor Ort bewegen, ist sich Mefus sicher. Wer dann für „buy“ plädiert, könnte seinen Produktionsstandort hier schließen. Wäre alles halb so wild, wenn sich neue Unternehmen ansiedelten, doch auch damit rechnet Mefus nicht. „Wir bekommen keine neuen Investoren hierher“, und die bestehenden Betriebe werden schrumpfen. Die Arbeitslosenzahlen werden dennoch nicht steigen, „eher sinken“, prognostiziert Mefus angesichts der zahlreichen älteren Arbeitnehmer, die in die Rente überwechseln werden. Und damit landet Mefus bei einer attraktiven Zielgruppe innerhalb der Arbeitnehmerschaft: Frauen.

„Die Politik schielt zu sehr darauf, wie wir durch gebärfreudige Frauen unsere Rente in den Griff bekommen“, kritisiert der AdU-Geschäftsführer. Vor allem vor dem Hintergrund einer zunehmend singulären Gesellschaft, in der Alleinerziehende sehen müssten, wie sie klarkommen, in der keine Verlässlichkeit in Beziehungen herrsche, in der die finanzielle Belastung enorm ist für Eltern, sei es wichtig, das Arbeits- und Lebensumfeld entsprechend mutter- und vaterfreundlich zu gestalten. „Wichtig ist, dass die, die da sind, ihre Arbeitskraft zur Verfügung stellen!“ Wenn sie das tun, müssen sie auch von den Arbeitgebern angemessen vergütet, behandelt, gefördert werden. In vielen Unternehmen sei aber der Wandel der Zeit noch nicht angekommen, so Mefus’ These.

Und bei vielen Führungskräften sei noch nicht angekommen, dass sie es mit älteren Arbeitnehmern zu tun haben werden. Rente mit 67 ruft nach Umdenken in der Personalplanung. „Wir haben seit 20 Jahren gelernt, dass wir Alte durch Neue ersetzen müssen“, sagt Mefus über bislang praktizierte Personalpolitik. Jetzt bleiben die Älteren, die Erfahrenen, solange sie müssen und können, und das wird immer länger. Dumm nur: „Es gibt Branchen, in denen Erfahrung nichts gilt“, lenkt Mefus den Blick auf die rasante Entwicklung in technikorientierten Bereichen. Was nützt es einem Büromaschinenmechaniker, wenn heute Softwareentwickler gebraucht werden? Wer im Alter im Betrieb bleibt, braucht allerdings eine andere Ansprache als ein 25-Jähriger, was sich auf den Führungsstil auswirken müsse. In einer Branche stehen die Signale (auch in der Region) gemäß Mefusscher Vision auf Wachstum: Pflege. „Pflege ist ein boomendes Feld“, sagt er, was bundesweit aufgrund der alternden Bevölkerung gilt. Das Geld dafür sei bei den Rentnern da, doch noch sei man dort, wo eine gewisse Versorgungsmentalität gegenüber dem Staat herrscht, nicht gewöhnt, für die Leistungen zu zahlen. „Die Menschen müssen lernen, dass Gesundheit teurer wird“, mahnt Mefus einen Bewusstseinswandel an. Eines sieht er gänzlich anders als andere Führungskräfte: dass sich das Weserbergland einen Namen machen könnte als Gesundheitsregion. Spitzzüngig fragt er: „Würden Sie lieber nach Meran fahren oder ins Weserbergland, wenn Sie zur Reha müssten?“ Um auch eine positive Meldung aus Mefus’ Vermutungen zu ziehen: Männer, die ungern mit ihren Frauen shoppen, gehen rosigeren Zeiten entgegen – weil der Internethandel weiter auf dem Vormarsch ist. Zum Leidwesen des stationären Handels. „Mit den Kunden werden mehrere Geschäfte sterben.“ Und wer nicht nur neue Hosen shoppt, sondern das Geldausgeben als Ereignis zelebriert, werde das lieber in Städte wie Hamburg und Hannover verlagern, und nicht in Hameln oder Bad Pyrmont weilen.

Zu guter Letzt spricht Dieter Mefus aus, was alle betrifft: „Es wird alles immer teurer.“ Auch Löhne für Arbeitgeber. Sie würden zwar nicht nach dem Gießkannenprinzip erhöht, aber um Mitarbeiter zu halten, müssten sie entsprechend bezahlt werden. Mefus’ Vision, ganz nüchtern: „Die Wirtschaftsregion wird sich stark verändern.“

Quelle: DEWEZET
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