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Wenn das Volk erstmal in Panik gerät …Do. 19.11.2009

Das Jahr 2010 wird eine ganz harte Zeit für die Unternehmen und die Beschäftigten“, mahnt Ulrich Meyer als Vorsitzender des heimischen Arbeitgeberverbandes AdU. Die Wirtschaft in Deutschland und auch in der Region Weserbergland werde die Weltwirtschaftskrise noch lange und hart spüren. Das aktuelle regionale Wirtschaftsbarometer für Schaumburg, Hameln-Pyrmont und Holzminden liefert deutliche Anhaltspunkte für Meyers Thesen: Die weltweite Krise hat die Firmen entlang der Weser „voll erwischt und beeinflusst die Führung aller Unternehmen“, lautet das Fazit der regionalen Wirtschaftsforscher. Die Hälfte der Firmen sei in Umsatz und Ertrag stark betroffen, 34 Prozent der Unternehmen mussten in diesem Jahr bis zu einem Drittel ihrer Arbeitsplätze abbauen und 32 Prozent der Arbeitsplätze hängen zur Zeit am Tropf des Steuerzahlers. Auch die Aussichten für 2010 sind nicht rosig: Nur jeder dritte Chef erwartet ein gutes Jahr. AdU-Vorsitzender Meyer: „Es geht nicht darum, pessimistisch zu sein und den Kopf einzuziehen. Die Unternehmen kommen in der Mehrzahl durch die Krise, aber wir müssen die Situation kritisch betrachten.“

Dazu gehört vor allem die Analyse der Wirtschaftspolitik: Laut Meyer sind viele Unternehmen im Weserbergland geschrumpft und haben das Instrument der Kurzarbeit ausgeschöpft. Im kommenden Jahr müssten dann viele Firmen „die Kurzarbeit in Entlassungen umwandeln, weil die Konjunktur sich nicht so stark erholen wird wie wir es bräuchten. Die Erholung kommt dann für viele zu spät, bis dahin fehlt es den Betrieben aber bereits an Liquidität. Der Höhepunkt der Insolvenzen kommt immer, wenn die Erholungskurve bereits ansteigt.“ Was bei Meyer nach großem Krisen-Einmaleins klingt, wird durch Zahlen des Wirtschaftsbarometers untermauert: 79 Prozent der Unternehmen zwischen Bückeburg und Holzminden planen für das Jahr 2010 keine Kurzarbeit. AdU-Geschäftsführer Dieter Mefus erklärt die Umstände, die dazu führen: „Viele Unternehmen haben das Instrument Kurzarbeit bereits ausgeschöpft. Jetzt kommt Druck von den Banken, die Kurzarbeit zu beenden. Die Banken wollen wissen, wie es nach der Kurzarbeitsphase weitergeht und fordern wirtschaftliche Strategien. Dabei geht es auch um das für Kredite wichtige Rating. Das sind strategische Fragen, auf die die Unternehmer Antworten haben müssen.“

Mefus sieht noch ganz andere Probleme und tritt den hier und dort auftauchenden positiven Wirtschaftsmeldungen mit großer Skepsis entgegen. Vor wenigen Tagen hatte zum Beispiel das Statistische Bundesamt vermeldet, dass im dritten Quartal 2009 das Bruttoinlandsprodukt um 0,7 Prozent gegenüber dem Vorquartal gewachsen sei. Analysten reagierten teilweise euphorisch: „Willkommen zurück, Deutschland“, schrieb beispielsweise UniCredit. Mefus vom AdU dagegen warnt vor noch bestehenden Risiken bei den Banken und steigender Arbeitslosigkeit. Und wirft der großen Politik vor, bewusst positive Meldungen abzusetzen, damit das Volk beruhigt wird. Mefus: „Alles, was bisher politisch gegeben wurde, waren Beruhigungspillen. Kurzarbeit, Konjunkturpaket, Abwrackprämie, das sind alles Entscheidungen, die das Volk beruhigen sollen, weil ein Volk nicht mehr lenkbar ist, wenn es erst mal in Panik geraten ist.“ Mefus fehlen die echten konjunkturellen Impulse, deshalb sieht er es kommen, dass im nächsten Jahr „viele Betriebe am Ende sein werden“. Deshalb verweist er auf den langfristigen Vergleich der Konjunkturdaten: Im Vorjahresvergleich ist nämlich das Ausmaß der Wirtschaftskrise noch deutlich zu erkennen. Das preisbereinigte Bruttoinlandsprodukt ging gegenüber dem dritten Quartal 2008 um 4,7 Prozent zurück. Solche klaren Minuszahlen würden politisch nur nicht so gerne kommuniziert. Für die regionalen Wirtschaftsforscher spricht Thomas Mahrenholtz in diesem Zusammenhang sogar von „Verblendung“ aufseiten der Politiker.

Mefus und Mahrenholtz sind mit ihrer Kritik nicht allein: Der Leiter des Prognose-Zentrums am Institut für Weltwirtschaft in Kiel, Joachim Scheide, warnt bereits vor zu viel Optimismus. Möglicherweise werde sich die Konjunktur „in nächster Zeit schon wieder etwas abschwächen“, sagte Scheide der Deutschen Welle. Grund dafür sei eine Politik der Bundesregierung ohne richtiges Konzept, meinte der Wissenschaftler: „Wir sehen nur ein Durcheinander von Einzelmaßnahmen“, sagte er. „Irgendwann wird der Staat kräftig sparen müssen, aber wir wissen noch nicht, wo. Das ist eine Belastung für die Konjunktur in nächster Zeit.“

Dabei sind die Belastungen aus dem Jahr 2009 noch gar nicht verkraftet. Wie die regionalen Wirtschaftsforscher erklären, musste etwa die Hälfte der Unternehmen im Weserbergland „signifikante bis dramatische Einbrüche beim Umsatz verkraften“ – was direkt auch entsprechende Auswirkungen auf den jeweiligen Ertrag hatte. Eine deutliche Besserung noch in diesem Jahr gilt bei den allermeisten als unwahrscheinlich, hält doch gut die Hälfte der Betriebe „das Jahr für gelaufen“.

Das Jahr 2010 lebt zunächst von der Hoffnung auf bessere Zeiten: So geben deutlich weniger Chefs das strategische Ziel aus, weiter schrumpfen zu müssen. Waren das im Jahr 2007 noch 20 Prozent und im letzten Jahr 12 Prozent, so ist dieser Wert nunmehr auf 8,4 Prozent gesunken. Der Wille zur Behauptung am Markt und sogar zur Expansion ist nach der Analyse der Wirtschaftsforscher ungebrochen. Allerdings dürfe hierbei nicht vergessen werden, dass für viele Betriebe eben auch beschäftigungstechnisch die Talsohle erreicht sei. Mehr Kurzarbeit oder mehr Entlassungen würden echte Einschnitte in die betriebliche Substanz bedeuten – und für spätere Zeiten die Kraft rauben, das Unternehmen in Ruhe wieder nach oben zu führen.

Gut ein Drittel der Unternehmen hat sich nämlich bereits von bis zu 30 Prozent der Mitarbeiter getrennt. Die ersten, die in diesem Jahr vielerorts gehen mussten, waren die Leiharbeiter. Doch auch zahlreiche ältere Mitarbeiter zwischen 58 und 60 Jahren sind zur Arbeitsagentur geschickt worden – unter der Maßgabe, dass sie dort nicht vermittelt werden und nach zwei Jahren in Rente gehen. In Krisenzeiten ein willkommener Trick: Die Mitarbeiter können früher in Rente, die Betriebe sind sie los, und bei der Arbeitsagentur fallen diese älteren Arbeitslosen aus der normalen Statistik heraus. Eine Win-Win-Win-Situation also.

Für das regionale Wirtschaftsbarometer sind im Oktober 151 Unternehmen in den drei Landkreisen zur wirtschaftlichen Lage und den Erwartungen sowie Aussichten befragt worden. Nach Aussage von Thomas Mahrenholtz von der TFSG-Unternehmensberatung bilden diese Firmen die Wirtschaftsregion „sehr gut ab“ – so sind alle im Weserbergland wichtigen Branchen vertreten, knapp ein Drittel der Firmen operiert deutschlandweit, drei von vier der befragten Chefs repräsentieren Betriebe mit bis zu 100 Mitarbeitern, und unter ihnen sind viele alteingesessene Unternehmen. Mahrenholtz: „Das ist eine gute Mischung, damit werden unsere Zahlen im dritten Jahr immer stabiler und aussagekräftiger.“

Quelle: Dewezet vom 19. November 2009
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